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Wolfgang Armbrüster (am Baum lehnend), wie er das Leben liebte: im Kreis seiner Freunde, nicht im Mittelpunkt des Interesses


Nachruf auf Wolfgang Armbrüster (7.11.1953 - 13.5.2011)


Am 13. Mai des vergangenen Jahres verstarb überraschend nach kurzer Krankheit der Sozialtherapeut Wolfgang Armbrüster. Wolfgang wurde am 7. November 1953 in Völklingen/Saar geboren Nach Schule und verschiedenen Praktika studierte er Pädagogik an der Universität Köln und Bonn und fand schon früh sein Arbeitsfeld: die Begleitung erwachsener behinderter Menschen in besonderen Notlagen, welche durch extreme Verhaltensweisen wie schwere Aggressionen oder Zwänge zum Ausdruck kommen. In den letzten Jahren seines Studiums hatte er die Verwahrlosung von Kindern und Erwachsenen in psychiatrischen Einrichtungen erlebt, so entstand in ihm das Bedürfnis, den Betroffenen eine Gemeinschaft zu Verfügung zu stellen, in der sie, wie er es einmal ausdrückte, „zur vollen Entfaltung ihrer Persönlichkeit – bei allen Schwierigkeiten – gelangen können.“

1984 gründeten Wolfgang und seine Frau Dorothee und andere auf Anregung einer Elterninitiative eine Einrichtung in Wuppertal, welche sieben Jahre bestand; anschließend arbeitete er ambulant therapeutisch, vor allem einzeltherapeutisch, sowie auf einer geschlossenen Station einer psychiatrischen Einrichtung. 1991 wurde er von Eltern, deren Kinder zuvor in einer anthroposophischen Einrichtung betreut worden waren, aber dort nicht mehr bleiben konnten, gebeten, seine ursprüngliche Arbeit wieder aufzunehmen. So kam es zur Begründung einer Lebensgemeinschaft in Wuppertal, welche drei Jahre später, 1994, in einen umgebauten Bauernhof nach Halverscheid im Sauerland umzog. Die Einrichtung wendete sich von Beginn an behinderte Menschen, welche aufgrund schwerer ‚Verhaltensstörungen‘ dauerhaft auf einer geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie lebten, oder vor einer Einweisung dorthin standen. In den folgenden Jahren kamen drei weitere Häuser hinzu, in einem Umkreis von 20 km. Im Zentrum des von Wolfgang und seinen Mitarbeitern erarbeiteten Ansatz stand eine unbedingte Orientierung an der Lebensgeschichte des betreuten Menschen und der Versuch, ihn vor dem Hintergrund seiner oft traumatischen Erfahrungen Verhaltensweisen zu verstehen, als Ausdruck von Ängsten und Wünschen, als Suche nach Verständigung oder nach Konfrontation, als Sprache eines Menschen, der sich nur eingeschränkt äußern kann – und als Suche nach einer diesem Ausdruck gemäßen Antwort. Beispiele und eine Erläuterung dieses Vorgehens gab Wolfgang in einem bereits 1990 erschienenen Erfahrungsbericht, sowie in zwei Interviews in dieser Zeitschrift in den Jahren 1999 und 2006. Erst in der Vergegenwärtigung dieser Beispiele wird deutlich, wie radikal und vorurteilslos dieser Versuch zu verstehen und das Verstandene unbedingt ernst zu nehmen, praktiziert wurde, und wie innovativ - etwa im Umgang mit schweren Aggressionen oder Zwängen.

So tiefgreifend dieser Impuls mit Blick auf den Einzelnen war, so bildete die Bemühung um Gemeinschaftsbildung seine Ergänzung – Gemeinschaft zunächst verstanden als Angebot und als Versprechen, den Erwachsenen aufzunehmen, zu ihm zu stehen und seinen Weg in ein Miteinander zu begleiten. Beide Säulen dieses Konzeptes verbanden sich in der Erfahrung, dass besonders das gemeinsame Leben ein Verstehen von Menschen ermöglicht, welche kaum oder nur in Fragmenten, und oft auch in widersprüchlicher Weise, sprachlich über sich Auskunft geben können. Die von Wolfgang begründete Gemeinschaft war von Beginn an offen konzipiert, es fanden sich Menschen, die vor Ort lebten, mit anderen zusammen, welche für bestimmte Zeiten kamen, ohne dass dieser Unterschied eine Wertung in sich trug. Gemeinsam war ihnen das Anliegen, sich von einem traditionellen Bild eines Arbeitsplatzes zu lösen und „unser Bild vom ‚Zuhause-sein‘ in die Einrichtung zu integrieren.“ Zugleich ist diese Auffassung von Gemeinschaft demokratisch und pluralistisch orientiert – alle sollen ihren Beitrag leisten, zugleich wird jeder in seinem Standpunkt und in seinen Bedürfnissen respektiert und kann die Formen des Gemeinschaftslebens mitbestimmen.

Wolfgang und seine Mitarbeiter vertrauten darauf, dass diese Erfahrung gerade bei Menschen, welche Ausgrenzung und Entmündigung erfahren haben, besondere Kräfte und Intentionen freisetzt. Er sah sich in dieser Arbeit von der Anthroposophie inspiriert, als einen Weg „die Menschen sich selbst entdecken zu lassen und ihnen zur Fähigkeit der Selbstschulung zu helfen, “ - dazu beizutragen, und dem Einzelnen Entwicklung angesichts seines Schicksals zu ermöglichen, das sah er als Aufgabe von Gemeinschaftsbildung. In seine therapeutische Arbeit fanden zudem psychotherapeutische Ansätze ebenso Eingang wie das gemeinsame Arbeiten: etwa das Renovieren der alten Häuser, die An- und Umbauten. Hier mitzuarbeiten machte Wolfgang größte Freude. Ebenso gerne war er auf Reisen, zumeist in einem großen Camping-Bus, der eine sichere Basis für die Gruppe bedeutete und so größte Unabhängigkeit beim Reisen ermöglichte. Alleine war er gerne mit dem Motorrad unterwegs. Wenn man Wolfgang inmitten seiner Freunde und Freundinnen besuchte, so erlebte man bald sein unbändiges Vertrauen in die Menschen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten, seinen Humor, seine Lebensfreude. Auch im Umgang mit den Mitarbeitern wirkte er – und verstand sich auch – eher als Berater denn als Leitungsperson. Man spürte, dass auch er sich getragen fühlte, von der Gemeinschaft und von seiner Familie.

In den Monaten vor seinem Tod hatte er eine Erschöpfung verspürt, das Bedürfnis, sich stärker zurückzuziehen, und auch das Gefühl, dass dies möglich ist. So gaben ihm diejenigen, die er so lange begleitet hatte, an einem warmen Frühlingstag das letzte Geleit.

Bernd Schmalenbach, in: Seelenpflege, Zeitschrift für Heilpädagogik und Sozialtherapie


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