Ein sicheres Zuhause
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...der Arbeit Wolfgang Armbrüsters


In seiner Therapie- und Lebensgemeinschaft wollte Wolfgang Armbrüster extrem ängstlichen, zwanghaften und aggressiven Menschen, die als „nicht gemeinschaftsfähig“ galten, ein sicheres Zuhause zu geben. Dieses sichere Zuhause sollte ihnen die Möglichkeit bieten, Beziehungen und Gemeinschaft neu zu entdecken, auszuhalten und schätzen zu lernen. Dreh- und Angelpunkt seiner Arbeit waren individuelle, empathische und starke Beziehungsangebote, die bei den betreuten Menschen ein Vertrauen schufen, auf dessen Grundlage lebenswerte Formen von Miteinander, Freiheit und Selbstbestimmung entwickelt werden konnten.


Offenheit gegenüber zahlreichen Theorien


Wolfgang Armbrüster beschäftigte sich Zeit seines Lebens theoretisch wie praktisch mit zahlreichen Ideen und Konzepten verschiedener Schulen. Wurde die Arbeit des Diplom-Pädagogen zunächst stark durch die Anthroposophie und Psychoanalyse geprägt, so verabschiedete er sich bald von starren Konzepten und verband Einflüsse unterschiedlicher Strömungen im Hinblick auf die individuellen Bedürfnisse der betreuten Menschen:

„Wir sind heute der Ansicht, dass das Miteinander der verschiedenen Ansätze viel wichtiger ist.“

Auch legte sich Wolfgang Armbrüster nicht auf eine bestimmte Therapieform fest, oder versuchte Erwartungshaltungen im Sinne einer „Heilung von Autismus“ zu erfüllen. Wichtig war ihm eine nahezu bedingungslose Annahme des Menschen, dem er begegnete:

„Wir haben keine spezielle Autismus-Therapie, außer unserer Zusage den Menschen gegenüber, dass sie bleiben können, wenn sie hierher [in die Gemeinschaft] kommen. Wir versuchen, ihnen in bestimmten Verhaltensweisen, wie Angst oder Aggressionen, zu helfen, aber nicht beim Autismus. Es geschieht, ereignet sich, dass der Autismus sich auflöst.“

Diese sehr ernste Zusage, dass Menschen bleiben können und sollen und auch bei aggressiven Handlungsweisen nicht abgewiesen werden, erforderte die Entwicklung einer Konzeption von Arbeit, die trotz offensichtlichen Handlungsbedarfs leider immer noch tabuisiert wird.


Den Menschen in seiner Individualität verstehen lernen


In der häufig anstrengenden, aber auch abenteuerlichen und fröhlichen Begegnung mit Menschen, die nicht selten das Vertrauen in fast jede Form von menschlicher Beziehung als Bereicherung für das eigene  Leben verloren hatten, suchte Wolfgang Armbrüster nach individuellen Anknüpfungspunkten, um Kontakt herzustellen und quasi geheime Wünsche zu erkennen, die hinter Aggressionen und Zwangshandlungen verborgen liegen.

„Was will [der Mensch, dem ich begegne]? Wie will er leben? Welche Art von Beziehungen will er haben? Was für Wünsche hat er, die er sich nicht zu formulieren traut, weil er vielleicht denkt, dass er sie nie erfüllt bekommt? Was für Ängste hat er?“

Ein durch und durch empathisches Verständnis tief sitzender Ängste betrachtete der Pädagoge als die grundlegende Voraussetzung, um die selbigen sukzessive auflösen und gemeinsam mit den Betroffenen alternative Wahrnehmungs- und Handlungsweisen entwickeln zu können:

„Wir versuchen [die Ängste] zu ergründen und eine Brücke für den Weg in die Gemeinschaft zu bauen. Wir versuchen auch, Übergangsbeziehungen zu finden, [in denen] der Betreute auch versucht, zunächst einmal mit einem Begleiter zu essen. Es gibt genug Mittel, um die Gemeinschaft als Ziel anzustreben.“


Gemeinschaft vs. Isolation


In der Tat war Wolfgang Armbrüster beim Brücken-Bauen in die Gemeinschaft sehr erfinderisch, und fühlte sich durch ablehnendes, anti-soziales und aggressives Handeln in seiner Kreativität und Lebensfreude, die er gerne mit seinen Mitmenschen teilte, positiv herausgefordert:

„Wir lassen nicht jeden (…) für sich alleine sein, sondern, wenn jemand im Sinne eines Vermeidungsverhaltens oder einer Angstproblematik der Gemeinschaft aus dem Weg geht, dann liegt darin auch eine Entwicklungsaufgabe.“


Zwangshandlungen: Rituale, die Sicherheit geben


Im Hinblick auf die nicht selten traumatischen Erlebnisse der ihm anvertrauten Menschen begriff Wolfgang Armbrüster Zwänge als individuell durchaus sinnvolle Handlungen, die z.B. dazu dienen, gewisse Ordnungen aufrecht zu erhalten, um nicht im Chaos von Eindrücken zu versinken. Diesen individuellen Sinn konnte er nach und nach begreifen lernen, wenn er ihn in der Beziehung eine Weile mit (er)lebte:

„Zwänge sind notwendig, um Ängste im Griff zu haben. Wir arbeiten so, dass wir Zwänge als sinnvoll akzeptieren. Wir bitten in der Gemeinschaft um Toleranz. Wir versuchen, über den Zwang auch Kontakt mit dem Betreuten zu bekommen. Für uns ist das Ausleben und das Begleiten, das Zulassen des Zwanges, auch Aufbau von Beziehung im Sinne von positiver Übertragung, also ein Ansatz, mit dem Betreuten ins Gespräch zu kommen. Wir erleben, dass dieser akzeptierende Umgang mit dem Zwang viel Öffnung in der Beziehung erzielt und die Möglichkeit bietet, pädagogisch zu arbeiten.“


Aggressionen: Ausdrucks- & Gestaltungsmöglichkeiten, die wir alle teilen


Gleichwohl Aggressionen und aggressive Handlungen zu den absoluten Konstanten der menschlichen Geschichte und Entwicklung zählen und z.B. in Medien allgegenwärtig sind, bilden sie in der Arbeit mit wie auch immer „hilfebedürftigen“ Menschen ein Thema, das immer noch stark tabuisiert wird. Wolfgang Armbrüster vermittelte in seinem Denken und Handeln die Idee, dass Aggressionen durch ihren zerstörerischen Charakter zwar berechtigter Weise Angst machen, aber dass auch bizarre Formen von Aggression immer einen individuellen Sinne erfüllen, und zudem ein Leben ohne Aggressionen nicht vorstellbar ist. Menschen mit einem besonderen Hilfebedarf, die sich in aggressive Handlungen flüchten, stellten für Wolfgang Armbrüster insofern keine Sonderfälle im Sinne von Sonderlingen dar:

„Wir vermitteln unseren Betreuten, dass Aggressivität etwas Universales ist, etwas, das jeder hat. Wir sagen etwa: ‚Da brauchst du keine Schuldgefühle zu haben. Hier setzen wir keine Grenze, das ist ein Lernfeld, das wir miteinander ausleben. Nur musst du aufpassen in der Art, wie du aggressiv bist. Das musst du lernen, genau wie ich es auch lernen musste. (…) Das ist eine universale Ebene und hier entsteht Kontakt. Wir müssen die Aggression auf ein allgemein menschliches Feld holen, nicht wie sie [die Betreuten] es so oft erlebt haben: Aggression, Angst, Ausgrenzung.“

Im Kontakt, d.h. in der intensiven persönlichen Begegnung, die für beide Seiten eine gewisse Unausweichlichkeit und damit frei nach Martin Buber die höchste Verantwortlichkeit mit sich brachte, ließ Wolfgang Armbrüster Aggressionen bis zu individuellen Grenzen zu; nicht zuletzt, um ihren Sinn für den Betroffenen und in der Folge die darunter liegenden Motive verstehen zu lernen. Aggressionen verstand und erlebte er als eine Form von Kommunikation, die er ernst nahm, und in die er sich als Mitmensch einbrachte – wenn er es als nötig empfand auch in der Form, dass er sich Aggressionen aussetzte und diese für und mit dem jeweiligen Menschen zusammen aushielt, ihm gleichsam bedeutend: ich weiche nicht von deiner Seite, ich bin für dich da und gehe mit dir deinen schwierigen Weg.


Individuelle Grenzen durch kontrollierte Gegenaggression


Diese Form der Begegnung verlangte nach Grenzen, um nicht selbst durch Aggressionen zerstört zu werden. Wolfgang Armbrüster verstand Gegenaggressionen als bewusst und kontrolliert gesetzte, fachlich professionelle Grenze. Eine solche Grenze sei genau dann nötig, wenn Menschen mit Fremd- oder Eigen-Aggressionen ins existenziell Zerstörerische zu entgleiten drohten:

„Diese Gegenaggressionen müssen natürlich fachlich abgesichert praktiziert werden, d.h. es darf nie eine Aggression in dem Sinne sein, den anderen zerstören oder ihm im Sinne eines Affektes weh tun zu wollen. Es muss eine Grenze sein, mit der man signalisiert: ‚Wenn du mich körperlich angreifst, bin ich auch durch Einsatz von körperlichen Mitteln bereit, mich so zu wehren, dass du mich nicht verletzen kannst.‘ (…) Wir versuchen, dem Anderen in der Aggression Partner zu sein, [und uns] wirklich auf die Sprache und die Stufe, die Reife des Betreuten einzulassen.“

Es liegt auf der Hand, dass solche Arbeit einerseits stark herausforderte, andererseits intensive Lernerfahrungen ermöglichte, die Wolfgang Armbrüster (nach Reflektion im Team oder in der Supervision) sein Konzept ausdifferenzieren und individuell an die jeweiligen Bedürfnisse des aggressiven Menschen anpassen ließen:

„Was sich verändert hat, ist die Art, wie wir Grenzen setzen: wir kommen immer mehr in die Lage, dort Grenzen zu setzen, wo der Betreute sich befindet. Wir kommen weg von dem Modell der allgemeinen Grenzen und fragen: Wo kann der Einzelne eine Grenze erleben und auch akzeptieren? Normierte Grenzen sind falsch und können nicht durchdrungen werden. Wenn ein Bewohner nicht erkennt, dass die Grenze ihm hilft, muss ich sie wieder fallen lassen und weiter suchen – außer natürlich in Gefahrensituationen. Ich lerne auch von den Betreuten, wie sie selbst Grenzen setzen. Ich höre genau hin, wann ein Betreuter ‚nein‘ zu sich oder zu einem anderen sagt; dann übernehme ich dies bis in die Ausdrucksweise hinein, auch bei Handlungen.“


Individuelle Betreuung mit möglichst wenig Hierarchie


Ebenso universell wie Wolfgang Armbrüster Aggressionen als eine normale Form menschlichen Ausdrucks und Sich-Bewährens verstand, so erlebte er auch keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Menschen, die er betreute, und sich selbst oder seinen Mitarbeitern:

„Das ist eine ganz grundlegende Geschichte hier [in der Therapie- und Lebensgemeinschaft], dass wir unsere Betreuten ganz individuell betreuen und versuchen, immer mehr Unterschiede zwischen Mitarbeitern und Betreuten wegfallen zu lassen.“


Offenheit für neue Impulse


Als ein vielseitig interessierter, lebenslustiger und leidenschaftlicher Mensch, der gerne vieles ausprobierte und sich für die unterschiedlichsten Dinge zwischen Theaterspielen und Traktorfahren, Psychoanalyse und Wahrnehmungsforschung begeistern konnte, legte Wolfgang Armbrüster Wert darauf, dass sich neue Mitarbeiter nicht nur mit ihrer Fachkompetenz, sondern auch mit ihrer Persönlichkeit in die Arbeit einbrachten:

„Das muss auch sein. Wir erleben, dass diejenigen, die von außerhalb kommen, viel frischen Wind hereinbringen [und] Kontakte zur Umgebung (…) herstellen. Besonders durch die Mitarbeiter von außen ist es kein Inseldasein.“

Vergnügen machte ihm dabei vor allem die Arbeit mit jungen Menschen, die ihn fern aller Professionalität und Fachkompetenz mit neuen Ideen zu faszinieren und inspirieren wussten, und denen er im Gegenzug, ähnlich wie den betreuten Menschen, angesichts einer stark herausfordernden Arbeit ein Höchstmaß an Sicherheit und Vertrauen für neue Lernerfahrungen gewähren wollte.

„Es sollte das oberste Ziel einer Ausbildung sein, dass man unter dem Schutz und der Erfahrung eines anderen [eines professionellen Anleiters] den Betreuten und sich selbst kennenlernen kann. Bei den Vorgesprächen [mit zukünftigen Auszubildenden] ist es uns wichtig, Hoffnung zu machen: ‚Hier ist unser Feld, und bei uns kannst du bestimmte Sachen lernen, und die wirst du auch lernen können.“



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